Andreas Pröve im Interview – im Rollstuhl die Welt erkunden

Andreas Pröve zählt wohl zu den erfahrensten Rollstuhl Weltenbummlern im deutschsprachigen Raum. Nach einem schweren Motorradunfall 1981 mit der Diagnose Querschnittslähmung zog er sich jedoch nicht zurück. Im Gegenteil, er machte mit Seiner Leidenschaft REISEN weiter. Mittlerweile ist er ein geschätzter Vortragsreferent, Buchautor und Reisejournalist. Wir hatten die große Ehre, Andreas unsere Fragen stellen zu dürfen.

Andreas….

Wann und wo bist Du geboren?

Am 14.11. 1957 in Celle.

Was hast Du vor Deinen Reisen gemacht?

Zunächst habe ich nach der Schule eine Schreinerlehre abgeschlossen. 1982 schloss sich dann eine Umschulung zum technischen Zeichner im Maschinenbau an. Inzwischen bin ich Buchautor und Reisejournalist und Vortragsreferent. Eine Handvoll Berufe.

Du hattest in jungen Jahren einen Motorradunfall und warst, wenn wir uns noch richtig erinnern, ein Jahr lang in klinischer Behandlung. Diagnose „Komplette Paraplegie“, also Querschnittslähmung. 3 Jahre danach hast Du Deine erste Reise nach Indien unternommen. Wieso Indien und woher nahmst Du Deine Motivation?

Ich bin 1980 – noch auf zwei Beinen – als Backpacker durch Indien gereist. Dieser erste Trip hat mich angefixt und ich hatte nur eines vor, so bald es geht wieder dorthin zu reisen. Dann aber geschah der Unfall. 1981, als ich in den Rollstuhl kam, war Barrierefreiheit in Deutschland noch ein Fremdwort. Überall im öffentlichen Raum lagen Fallstricke, die uns Rollis das Leben schwer gemacht haben. An das Reisen konnte man damals allenfalls in Verbindung mit behüteten Behindertenanlagen denken. Eine Rucksackreise im Rollstuhl war utopisch, vollkommen abwegig und nach Meinung des Krankenhauspersonals nicht durchführbar, erst recht in so ein Land wie Indien. Die Sache aber war, niemand von denen, die mir davon abrieten ist jemals in Indien gewesen. Das hat mir Mut gemacht. Ich kannte Indien, und habe den Sprung gewagt. Und siehe da, allen Unkenrufen zum Trotz, es hat funktioniert.

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Wie hat damals Deine Familie auf diese Reisepläne reagiert?

Meine Geschwister, Eltern und Freunde haben es erst gar nicht versucht mich davon abzuhalten. Sie wussten, sie hätten mich ohnehin nicht von meinem Plan abbringen können. Ich habe allen gesagt, ich MUSS es versuchen. Scheitere ich, bin ich nächste Woche wieder hier. Es kam anders. Ich kehrte erst drei Monate später wieder zurück. Eine Utopie ist wahr geworden.

Wie hat damals Deine Familie auf diese Reisepläne reagiert?

Meine Geschwister, Eltern und Freunde haben es erst gar nicht versucht mich davon abzuhalten. Sie wussten, sie hätten mich ohnehin nicht von meinem Plan abbringen können. Ich habe allen gesagt, ich MUSS es versuchen. Scheitere ich, bin ich nächste Woche wieder hier. Es kam anders. Ich kehrte erst drei Monate später wieder zurück. Eine Utopie ist wahr geworden.

Die Querschnittslähmung bringt einige gesundheitliche Besonderheiten mit sich. Fühlst Du Dich medizinisch gut betreut in den Ländern, die du bereist? Wie gehst Du mit den hygienischen Problemen um.

In den Ländern, durch die ich in den letzten 40 Jahren gereist bin, kann ich nicht einmal die medizinische Basis dessen erwarten, was in Deutschland Querschnittsgelähmten zur Verfügung steht. Ich habe in Delhi einmal ein Krankenhaus mit einer orthopädischen Station für Rückenmarksverletzte besucht. Die Verhältnisse waren katastrophal. Altes Blut an den Flurwänden, Kakerlaken in den Ecken und Patienten, die mit ihren Verletzungen auf den Fluren auf Behandlung gewartet haben. Mit beißendem Geruch in der Nase bin ich rückwärts wieder heraus gerollt. Das mag heute anders sein, aber in medizinische Behandlung würde ich mich in Indien nur im Notfall begeben. Was die Hygiene angeht, habe ich die gleichen Probleme wie du und jeder andere Fußgänger. Ab und zu eine Dusche – das reicht. In Asien sind Duschwannen zum Glück selten. Ich erledige das im Rolli und der wird nebenbei auch gleich sauber.

Hast du eine Krankenversicherung oder wie gehst du mit dem Thema um?

Ich habe auf Reisen eine normale Reisekrankenversicherung (in 40 Jahren nie benutzt) und hoffe, dass das auch so bleibt.

Du bist seit über 30 Jahren mit dem Rollstuhl in der Welt unterwegs. Vornehmlich in Asien. Also genau dort, wo die Infrastruktur für Rollstuhlfahrer nicht gerade optimal scheint. Wieso genau da? Was ist der Reiz?

Wenn ich mich für ein Land entscheide, um dorthin zu reisen, dann deshalb, weil mein Herz daran hängt oder weil mich das Land brennend interessiert. Ob das Land behindertenfreundlich oder relativ barrierefrei ist, spielt bei meiner Entscheidung keine Rolle. Wäre es so, dürfte ich nur noch in die USA reisen. Dort ist Barrierefreiheit eine Selbstverständlichkeit. Darüber hinaus will ich es nicht bestreiten und gebe gerne zu, die Herausforderung ein Land wie Indien mit öffentlichen Verkehrsmitteln als Rollifahrer zu bereisen, hat mich natürlich auch gereizt. Selbst in Deutschland war das Reisen für Rollis im ÖPNV 1983 nicht leicht und ehe man sich versah, ist man im Gepäckwagen gelandet. Indien hat mich damals total gefordert.

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Was war die schlimmste Panne, die Du je hattest?

Die hatte ich im tibetischen Hochland 2011. Ich war per Handbike auf einer einsamen Straße in den Bergen unterwegs und plante die Nacht bei Bauern verbringen zu können, deren Gehöfte auf meiner Karte markiert waren. Diese Gehöfte existierten aber gar nicht. Ich musste die Nacht am Straßenrand verbringen. Im Schneematsch unter einer Plastikplane. Ich hörte das Heulen der Wölfe, mir gingen die furchterregenden Geschichten von Schurken durch den Kopf, die für ein paar Kröten Touristen die Kehle durchschneiden, Wind kam auf und trieb mir den Schnee über den Schlafsack. Geschlafen habe ich in dieser Nacht nicht, aber ich habe es überlebt. Lustig war das allerdings nicht.

Welche drei Dinge haben sich auf Reisen für Dich als völlig unsinnig erwiesen?

Auf meiner ersten Reise habe ich Ahnungsloser ein Schlangenbißset mitgenommen. Vollkommen überflüssig. Schlangen, die ich zu sehen bekomme, sind Plattgefahren auf dem Asphalt und die beißen nicht mehr. Querfeldein marschieren geht für mich nicht, weshalb also Schlangen keine Gefahr darstellen. Ebenso blödsinnig sind Kocher und entsprechende Utensilien. In den Ländern, durch die ich reise, gibt es überall Lebensmittel zu kaufen. Und wenn ich dann doch mal in einsamen Gegenden unterwegs war, habe ich mich mit Müsliriegel fit gehalten.

Was isst und trinkst Du auf Reisen am liebsten am Reisen?

Da richte ich mich nach dem, was es gibt. Meine persönlichen Vorlieben, was Lebensmittel angeht, stehen da zurück. Ich bin offen für Neues und probiere alles, was mir vorgesetzt wird. Und was die Menschen vor Ort nicht umbringt, wird mich auch nicht töten. Dazu gehört Hund, Pferd, Schlange, Spinne und die vielen Insektenarten, die in Indochina so selbstverständlich zum Speiseplan gehören, wie Kartoffeln bei uns.

Welche Ecke des Planeten möchtest du auf jeden Fall noch bereisen?

Zu meinen Favoriten zählt der Iran. Ich war bereits drei Mal dort, aber die Herzlichkeit der Iraner, ihre Gastfreundschaft und die Vielfalt des Landes, was Kulturschätze angeht und die grandiosen Landschaften ziehen mich wieder in das alte Persien. Von Afrika habe ich bisher kaum etwas gesehen. Das wäre noch ein großer Wunsch.

Du bist als erster Mensch mit Rollstuhl von der Quelle bis zur Mündung des Mekong gereist. Was war für Dich der Grund gerade den Mekong zu machen?

Geplant war das schon vor Jahrzehnten. Aber lange gab es Probleme nach Laos einzureisen. Kambodscha war schwierig und China und Tibet ohnehin. 2010 dann war es so weit. Der Mekong fließt durch fünf buddhistische Länder, er ist Lebensader für Millionen Menschen und nebenbei ein wunderbarer roter Faden, der Indochina miteinander verbindet. Letztendlich war es für mich auch eine große Herausforderung, nach über 5000 Kilometern an seine Quelle zu gelangen.

Auf einem Vortrag von Dir haben wir Deine Konstruktion bewundern dürfen, die es Dir ermöglicht, eine Reifenpanne aus dem Rollstuhl heraus zu beheben. Gibt es die immer noch, oder hat Sie sich auf lange Sicht als untauglich erwiesen?

Die Rollstuhlräder ohne auszusteigen abnehmen zu können, ist nach wie vor eine elementare Voraussetzung, um die Schwierigkeiten auf Reisen zu meistern. Es geht nicht nur darum Reifenpannen zu reparieren. Ohne die großen Räder wird der Rollstuhl mehr als 10 cm schmaler, was es mir ermöglicht enge Toiletten, Gänge im Flugzeug, in der Bahn und in Bussen zu durchqueren. Ich stehe dann auf vier kleinen Rollen, auf denen ich selbst hier in Deutschland engste Türen zum Beispiel in öffentlichen Toiletten durchfahren kann.

Welche Situation war für Dich die gefährlichste auf Deinen Reisen?

1999 bin ich in Kalkutta gestartet, um dem Ganges quer durch Indien zu folgen. Am Ende wurde ich von Sherpas über mehrere Tage auf schmalen Klettersteigen zur Quelle im Himalaya getragen. Auf manchen Passagen war der Pfad derart schmal, dass ich auf den Rücken eines Sherpas geschnallt werden musste, der mich mit meinen 80 Kilo dann an steil abfallenden Abgründen entlang trug. Ein Fehltritt hätte gereicht und wir wären abgestürzt. Was die Sherpas damals geleistet haben, war nahezu übermenschlich.

Gab es eine Situation aus welcher Du dich am liebsten weggebeamt hättest? Einen Ort an dem Du bleiben musstest, aber nicht wolltest zum Beispiel?

Das war im Jahre 2003, als ich auf einer Reise durch den Iran versehentlich das nukleare Forschungszentrum bei Natanz fotografiert hatte – das geheimste, was die Mullahs zu verstecken haben. Ich wurde festgenommen und während des
Verhörs beschuldigt für Israel zu spionieren. Mit meiner umfangreichen Film – und Fotoausrüstung, die kein normaler Tourist mit sich herumschleppt, war es kaum möglich zu erklären, dass ich das als Hobby betreibe. Niemals hätte ich mich als Vortragsreferent, Fotojournalist und Buchautor outen dürfen, denn dafür hätte ich ein Journalistenvisum gebraucht, was ich nicht hatte. Am Ende hat man mich wieder frei gelassen, weil ich die Behörden davon überzeugen konnte, dass Israel wohl kaum einen Rollifahrer in den Iran schickt, um dort zu spionieren. Aber der Film wurde konfisziert.

Sich als Rollstuhlfahrer unterwegs eine Unterkunft zu suchen stellen wir uns schwierig vor. Wie läuft das mit einem Rollstuhl? Treppen sind ja schwierig zu bewältigen.

In der Tat war es jeden Tag schwierig ein Hotel aufzutreiben, was immer viel Zeit beansprucht hat. Die Beschaffenheit der sanitären Anlagen musste einen gewissen Standard aufweisen. Stufen oder gar mehrere Stockwerke ohne Aufzug konnte ich immer nur mit der Hilfe des Personals bewältigen. Nicht selten kam ich morgens nicht aus dem Hotel heraus, weil ich im dritten Stock festhing und niemand da war, der mich herunter trug.

Was bedeutet Heimat für Dich?

Dort, wo meine Wurzeln sind, wo ich meine sozialen Kontakte finde und meine Familie ist, dort ist Heimat.

Darf man schon fragen, wohin die nächste Reise nach Corona führen wird?

Zur Zeit lässt sich überhaupt nichts planen. Nicht einmal für die nahe Zukunft. Daher habe ich erst einmal alle Reisepläne auf Eis gelegt. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob das Reisen, wie wir es kennen, jemals wieder so praktiziert werden kann. Aber wenn es eines Tages wieder losgehen sollte, dann will ich zuerst nach Persien.

Welchen wichtigen Tipp kannst Du anderen Abenteurern im speziellen Rollstuhlfahren, mit auf den Weg geben?

Eine wichtige Erfahrung habe ich in den letzten 40 Jahren auf Reisen gemacht. Alle Menschen auf der Welt haben ein tiefes inneres Bedürfnis anderen helfen zu können. Soziales Verhalten steckt unserer Spezies im Blut. Bei manchen mehr, bei anderen weniger. Man muss sie nur fragen und um Hilfe bitten. Die Hemmungen, die selbst ich immer noch habe, fremde Menschen um Hilfe zu bitten, sollte man zu Hause lassen. Dann steht einem die ganze Welt offen.

Andreas, wir danken Dir für dieses spannende Interview. Bleib gesund!

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