Christopher Many im Interview

Christopher Many hatte schon immer ein sehr spezielles Geschick, Konventionen zu umschiffen und seiner eigenen Traumroute zu folgen. Mehr als alles andere reizte ihn das, was „hinter dem Horizont“ liegt. 1997 startete Christopher zu seiner ersten großen Motorradfahrt auf Puck, seiner Yamaha 660 Ténéré, die ihn von Deutschland über Indien nach Neuseeland führte. Knapp vier Jahre später kehrte er nach Europa zurück und fand Arbeit in Schottland, um auf sein nächstes Unternehmen, eine Weltumrundung in einem altersschwachen Land Rover, zu sparen. Mit dem Landy, den er von einem Highland-Bauern für umgerechnet 1.000 Euro erworben hatte und Matilda taufte, bereiste er zwischen 2002 und 2010 rund 100 Länder. Sein Buch über diese Reise, Hinter dem Horizont links, erschien 2011 und wurde zum Bestseller. 2012 schwang sich Christopher wieder auf Puck und machte sich zusammen mit seiner Partnerin Laura Pattara auf eine sechsjährige Fahrt von Deutschland nach Australien. Hinter dem Horizont rechts erzählt von diesem neuen Abenteuer (Erscheinung: September 2016).

Seit 2018 ist der Autor und Dauernomade mit einem Mercedes 308D Postkögel in Europa unterwegs. An Sesshaftigkeit denkt Christopher bei weitem nicht, denn – wie er immer wieder behauptet: „Wir wohnen auf einem wunderbaren und merkwürdigen Planeten, und es gibt noch so viel zu entdecken“.

“Christopher…..

1. Wann und wo bist Du geboren?

Ich wurde 1970 in New York geboren. Mein Vater ist US-Amerikaner, meine Mutter kommt aus Flensburg, und meine Großeltern stammen aus Polen und der Tschechischen Republik. Mit 11 Jahren, nach der Scheidung meiner Eltern, übersiedelte ich mit meiner Mutter nach Deutschland, genauer gesagt nach Bayern. Dort, zwischen Karwendelgebirge und Starnberger See, habe ich meine Jugend verbracht. Es war ein schöner Ort, um als Kind aufzuwachsen, und dennoch: heimatliche Gefühle hatte ich nie empfunden, weder nach Deutschland, noch nach Nordamerika. Heute, da ich kein geografisch zu fixierendes Heim habe, ist Heimat durch die Orte definiert, an denen sich mir liebe Menschen befinden. Laura ist meine „feste Basis“. Wo auch immer sie sich befindet – in Argentinien oder in der Mongolei – dort bin ich daheim. Matilda - Somalia

2. Was hast Du vor Deinen Reisen gemacht?

Nach dem Abitur habe ich eine Lehre als Bootsbauer am Starnberger See absolviert. Anschließend segelte ich 1994 mit einem 12-Meter Katamaran von den Kanarischen Inseln in die Karibik, wo ich auf der Insel St. Lucia eine Weile als Bootsbauer gearbeitet habe, um meine Reisekasse aufzubessern. Denn von Anfang an – bereits vor der Lehre – war mir klar: ich wollte in die Welt hinaus, und nicht die Karriereleiter hochklettern. Die handwerkliche Arbeit war nur Mittel zum Zweck. Alle Kenntnisse, die ich mir während der Ausbildung angeeignet hatte, haben sich auch auf dem Festland als nützlich erwiesen. Denn in Schwarzafrika oder im Himalaya gibt es keinen ADAC: man muss sich mit den Händen selbst zu helfen wissen. Meine berufliche Laufbahn endete 1997, an meinem 27. Geburtstag.

Nebenbei: auch meine Fahrzeuge sind nur Mittel zum Zweck. Eigentlich bin ich kein „Motorradfahrer“, „Allrad-Fan“ oder „Segler“. Die Qualität einer Fernreise und das Vergnügen an ihr hängen nicht vom Fahrzeug, sondern vielmehr vom Reisenden ab.

3. Was war der Auslöser/gab es einen Auslöser für die Entscheidung auf große Reise zu gehen?

Der Auslöser war meine angeborene Neugier. Für mich bedeutet Reisen vor allem „Freiheit“, sowie die beste Möglichkeit, eben diese Neugier zu befriedigen. Ich habe schon in meiner Jugend zum Horizont geblickt und gefragt: „Wer lebt denn dahinter, und was würde ich dort entdecken?“. So kaufte ich mir 1997 eine Yamaha XTZ 660 Ténéré und setzte den Kurs nach Indien ab. 23 Jahre später, und ich bin immer noch unterwegs – seit 2018 jedoch mit einem alten Mercedes 308D, aus dem Bestand der Deutschen Bundespost. Tja … das Leben kann enormen Spaß machen, wenn man seine Leidenschaft entdeckt hat. Es ist einerlei, ob sich diese auf Musik, Sport, Familie oder die Arbeit bezieht, oder eben wie bei mir: das Reisen.

23 Jahren Weltreise

4. Du bist 8 Jahre mit einem alten Land Rover um die Welt gefahren. 2012 bist Du mit Laura, Deiner Lebenspartnerin, per Motorrad 4 Jahre nach Australien gereist. Dein Land Rover hast Du „Matilda“ getauft. Dein Motorrad „Puck“. Zurzeit bist Du mit einem umgebauten DHL Post Auto unterwegs. Hat es auch einen Namen?

Ja … Kevin. Autos fahren besser, wenn sie einen Namen haben. Davon bin ich überzeugt. Bei dem Wenigen, was wir besitzen, haben wir fast allen Dingen Namen gegeben. Deep-Thought ist mein Laptop, Wally ist Lauras Geldbeutel, Darthy mein USB Stick, Verena unsere Espressokanne, und unsere zwei kleinen Handtücher heißen Erwin und Edwina. Und so weiter.

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5. Wo befinden sich Deine alten Weggefährten jetzt, nach Ihrem Einsatz?

Puck ist in der Garage bei meiner Familie, und es geht ihm gut. Auch mein Landy ist gesund und munter. Er genießt zurzeit ein wohlverdientes Päuschen in einem Automuseum namens Landypoint in Beuron-Neidingen. Einstweilen kann sich Matilda dort mit den anderen Oldtimern unterhalten, und wenn abends die Lichter ausgehen und die Besucher fort sind, dann erzählen sie sich Heldengeschichten aus alten Zeiten von Abenteuern im Gelände, Löwen in Afrika, Schlaglöchern in Peru und vielem mehr. Solltet Ihr einmal in die Gegend kommen, stattet meiner Matilda doch einen Besuch ab und klopft ihr in meinem Namen auf die Motorhaube. Aber bitte nicht zu stark, sonst könnte die Stoßstange abfallen.

Christopher Manys Weltreisen

6. Du lebst seit 23 Jahren ohne festen Wohnsitz. Wie kam es dazu?

1997 habe ich mich permanent aus Deutschland abgemeldet, und seitdem bestreite ich mein Leben nur mit dem, was der Stauraum eines Autos oder das Topcase eines Motorrads hergeben. Mein Lebensstil ist sicher nicht jedermanns Sache, aber Laura und ich sind glücklich. Ich habe meine kleine „Daseinsnische“ gefunden – einen Lebensentwurf, der es mir ermöglicht, meinen Weg mit geringen materiellen Mitteln selbst zu bestimmen. Ich besitze kein Haus, aber ich muss auch keine Hypotheken abzahlen. Stress? Kenne ich nicht. Mein Einkommen als Autor reicht aus, um Sprit zu kaufen, Essen, und vielleicht auch ein bisschen mehr. Ich hungere nicht, bin frei, und habe Freunde – was sollte ich mehr wollen?

Rein rechtlich betrachtet, wird laut §7 BGB ein Wohnsitz dadurch begründet, dass sich jemand an einem Ort ständig niederlässt mit dem Willen, den Ort zum Schwerpunkt seiner Lebensverhältnisse zu machen. Da ich selten länger als ein paar Monate an einem Ort bin, darf ich keine gemeldete Anschrift haben – weder in Europa, noch sonst irgendwo auf der Welt. Wer in Deutschland nur zum Schein beim Einwohnermeldeamt gemeldet ist, riskiert eine Strafe von bis zu 1.000 Euro.

Matilda im Museum in Beuron-Neidingen

7. Wie hast Du Deine Reisen finanziert?

Das nötige Geld für meine erste Weltreise habe ich durch meine Arbeit als Bootsbauer verdient. Knapp vier Jahre später kehrte ich nach Europa zurück und fand Arbeit in Schottland, um auf mein nächstes Unternehmen zu sparen. Seit 2011 finanziere ich meine Reisen und Nomadenleben ausschließlich durch meine Bücher „Hinter dem Horizont links“ und „Hinter dem Horizont rechts“. Für jedes verkaufte Exemplar bekomme ich vom Verlag etwa einen Euro, mit dem ich einen Liter Sprit tanken und 10 Kilometer weiter Richtung Horizont vorankommen kann. Ich werde nicht von Firmen gesponsort, und ich muss meine Reisen nicht durch Diavorträge oder Lesungen finanzieren. Stattdessen kann ich mich voll auf das konzentrieren, was ich am liebsten tue: durch die Welt zu reisen und über meine Erfahrungen zu schreiben, ohne durch andere Dinge abgelenkt zu werden.

Langzeitreisende ausgeben, ist jedoch ganz verschieden, und meine Unkosten sind nicht direkt übertragbar. Alle Overlander haben unterschiedliche Wünsche und Bedürfnisse. Aber gut: auf meiner ersten Motorradweltreise von Europa nach Neuseeland habe ich 15.000 Euro ausgegeben, damals noch die entsprechende Summe in Deutscher Mark. Die Reise dauerte knapp vier Jahre, was durchschnittliche Ausgaben von 340 Euro pro Monat ergibt. Meine achtjährige Weltumrundung mit dem Land Rover kostete 50.000 Euro oder 520 Euro/Monat. Auf meinem dritten Trip von 2012 bis 2018, da habe ich 36.000 Euro oder durchschnittlich 500 Euro/Monat benötigt. Und jetzt bin ich mit einem Mercedes 308D Postkögel in Europa unterwegs, und scheine mit 550 Euro/Monat gut klarzukommen. Um die Kosten für Eure eigene Reise abzuschätzen, müssen viele Faktoren berücksichtigt werden. Am wichtigsten ist aber vielleicht die Frage: Wie lange wirst Du unterwegs sein? Denn je länger man reist, desto günstiger wird das Reisen. Wie kann das sein?

Die Ausgaben für Treibstoff, Visa, Verschiffung und Flüge machen einen Großteil der Gesamtkosten einer Weltreise aus. Dieser Anteil an der Gesamtsumme ändert sich nicht, gleich ob Du Deine Reise nach einem oder nach zehn Jahren beendest. Worauf Du aber Einfluss hast, sind die Kosten pro Jahr.

Kosten Überischt Christoper Many

Angenommen, ein Overlander, der mit dem Motorrad von Europa nach Australien fährt, legt 50.000 Kilometer zurück. Wenn sein Bike sechs Liter auf 100 Kilometer verbraucht und der Spritpreis im Durchschnitt einen Euro pro Liter beträgt, muss er allein für Benzin 3.000 Euro rechnen. Die Genehmigung für eine Fahrt durch China kann mit 2.000 Euro veranschlagt werden, die Kosten für die übrigen Visa mit 700 Euro und die für die Verschiffung von Indonesien nach Darwin zusammen mit dem Flug für ihn selbst nochmals mit 1.000 Euro. Insgesamt macht das 6.700 Euro, was für eine einjährige Reise eine stolze Summe ist. Lässt es der Overlander aber so gemächlich angehen, dass er vier Jahre unterwegs ist, sinken die durchschnittlichen jährlichen Ausgaben auf 1.675 Euro. Dazu kommen nur noch die Kosten für Verpflegung, Unterbringung und Versicherungen, die zur Reisedauer proportional sind. In der Summe ist eine vier Jahre dauernde Fahrt mit dem Motorrad also nur etwa doppelt so teuer wie eine einjährige und nicht viermal!

8. Wie hältst Du es mit einer Auslandskrankenversicherung? Ist das überhaupt ein Thema für Dich?

Viele renommierte Unternehmen (Allianz, Hans-Merkur, DKV, ADAC, World Nomads, usw.) bieten Langzeit Auslandskrankenversicherungen mit einer Laufzeit bis zu fünf Jahren oft schon für weniger als einen Euro am Tag an. Wer so wie ich länger unterwegs sein möchte, kann auch einen Vertrag mit einem „Expatriate Insurer“ (Globality-Luxemburg, Mawista, usw.) abschließen. Eine einfache Googlerecherche zum Thema „Langzeit-Auslandskrankenversicherungen“ zeigt alle Möglichkeiten auf. Ich bin seit Jahren bei „Mawista-Allianz“ weltweit bestens versichert, und zahle 73,- Euro/Monat. Teuer (für mich zumindest), aber unversichert um die Welt zu fahren kann noch teurer zu stehen kommen.

9. Bei Heimatbesuchen isst du gerne den Kühlschrank deiner Eltern leer, erzähltest du. Reisen ist Dein Leben, was ist Dein Lieblings Gericht? Und in welchem Land hat dich die regionale Küche besonders begeistert?

Ja, alle fünf oder sechs Jahre besuche ich Deutschland, um meine Familie zu sehen. Meist besuchen sie uns irgendwo im Ausland. Bezüglich Kulinarisches … ich bin Allesesser. Muss man sein, wenn man Jahrelang unterwegs ist. Aber was mag ich denn am liebsten? Känguruschwanz finde ich lecker, am Lagerfeuer gegrillt. Kamel in einer Aprikosenmarinade wäre zweite Wahl. Pollo con Mole, also Huhn in Schokoladensoße, gibt es in Mexiko. Sehr gut sind auch Rattenburger aus Laos.

10. Bist du schon mal mit leerem Tank stehen geblieben?

Nein, noch nie. Im Land Rover, unter den Frontsitzen, habe ich Zwillingstanks eingebaut, mit jeweils 80 Liter Volumen. Dazu kommen sechs 20-Liter-Benzinkanister, alle auf dem Dach aufgereiht, die zum Glück nie explodiert sind. Macht zusammen 280 Liter. Damit kommt Matilda knapp 2.000 Kilometer weit. Puck verbraucht etwa sechs Liter auf 100 km, kann 70 Liter Sprit tragen, und hat entsprechend eine Reichweite von 1.100 km.

Tank Reserve

11. Was war die schlimmste Panne die Du je hattest?

Auf meiner achtjährigen Land Rover Weltreise hatte ich genau 1.667 Autopannen. Also doch ein paar. Mein Fahrzeug war aber auch damals bereits 35 Jahre alt, und kostete – aus gutem Grund – weniger als 1.000 Euro. Ich habe 52-mal die Bremsen entlüftet, 86 Bremsklötze und 59 Federbuchsen ausgewechselt, 40 Zündkerzen erneuert und 18 Kondensatoren, 4 Spulen, 12 Unterbrecherscheiben und 4 Zündverteilerdeckel. Dann kommen noch die mechanischen Probleme hinzu: 20 Blattfedern, 8 Universalgelenke und 2 Antriebswellen sind gebrochen. Ich hatte 65 Plattfüße und 3 Getriebe-Rekonstruktionen. Auf einem steilen Bergpass in Chile blockierte die Lenkung, Matildas Getriebe fiel auf der „Todesstraße“ in Bolivien auseinander und mehrmals bin ich Afrika umgekippt. Aber eine Panne, die ich als „schlimm“ bezeichnen würde? Och, eigentlich nicht. Solche Erlebnisse gehören zu einer Overlandreise dazu, und man gewöhnt sich daran. Man kann sich über die Sandschaufelei und Reparaturen ärgern, oder man freut sich über die körperliche Tätigkeit an der frischen Luft, statt in einem Büro arbeiten zu müssen. Ich konnte alle Pannen alleine, ohne Hilfe, beheben. Ich glaube, es gibt keine einzige Schraube an Matilda, die ich nicht irgendwann gelöst habe. Jede Delle, Schweißnaht und Narbe erzählt eine Geschichte. Matilda Rahmenwechsel Sambia Matilda Rahmenwechsel Sambia Ok … eine Panne war doch nicht so leicht zu beheben. Als mein Rahmen im Kongo glatt in zwei Stücke zerbrach, musste ich zwei Bäume fällen und links und rechts am Auto als Schiene hinbinden, wie bei einem Beinbruch. Ging prima – ich fuhr mit den Bäumen noch 1.000 Kilometer. Der Austausch des Rahmens in Sambia kostete sechs Wochen Arbeit und 60 Liter Schweiß. Matilda Rahmenwechsel Sambia Matilda Rahmenwechsel Sambia

12. Welche drei Dinge haben sich auf Reisen für Dich als völlig unsinnig erwiesen?

Auf technische „Spielereien“ verzichte ich gerne – ich bin diesbezüglich ein Dinosaurier. Man darf nicht vergessen: mein Land Rover konnte ich mit einer Kurbel starten; das kennen viele heutzutage gar nicht mehr. Mobiltelefon oder GPS besitze ich auch nicht. Aber es gibt viele Arten zu reisen, und technisches Gerät ist nicht unbedingt schlecht. Nur ich persönlich finde dass die wirklich wichtigen Waypoints, nämlich die Koordinaten von interessanten und netten Menschen, eh nicht mit dem GPS zu finden sind.

Was man auf einer Auslandsfahrt definitiv nicht mitnehmen sollte?
(1) Vorgefasste Meinungen und Vorurteile über die Orte und Menschen, die man kennenlernen möchte;
(2) Eine penibel geplante Reiseroute – Spontaneität ist wichtig;
(3) Pessimismus;
(4) Nationalstolz und Patriotismus;
(5) Übertrieben hohe Erwartungen. Es ist besser, von einem Land angenehm überrascht zu werden, als eine tiefe Enttäuschung zu erleben;
(6) Stress sollte unbedingt zu Hause gelassen werden;
(7) Falls möglich … Deine Uhr!
(8) Die Abhängigkeit von Besitztümern. Trotz aller Vorsicht kann es vorkommen, dass man Habseligkeiten verliert oder Opfer eines Diebstahls wird. Glaub mir, das Leben und die Reise gehen danach weiter. Deine Gesundheit, die geschlossenen Freundschaften und die gesammelten Erinnerungen sind viel wichtiger als ein gestohlener Rucksack. Den kann man ersetzen, das zuvor Genannte nicht.

Oops. Das waren jetzt acht Dinge. Tut mir leid!

13. Wenn du nur drei Dinge für den Start einer Weltreise per Motorrad mitnehmen dürftest, was wäre das (außer dem Motorrad und deiner Kleidung)?

Wahrscheinlich bin ich nicht der allerbeste Ratgeber für eine persönliche Packliste. Sollte man wirklich einem Motorradfahrer Gehör schenken, der auf seinem Motorrad einen Plüschdelfin, eine Topfpflanze und einen Aschenbecher befestigt hat – und zudem, auf seiner ersten Weltreise jedenfalls, noch einen Pferdesattel? Was als wesentlich für eine Weltreise erachtet wird, ist sehr von den Bedürfnissen und Wünschen des Einzelnen abhängig und sollte diesen entsprechend gewählt werden.

Heutzutage würde ich definitiv meine Partnerin Laura mit einpacken. Wir begegneten uns 2008 in Malawi. Ich habe mich damals in sie verliebt, und seither sind wir unzertrennlich. Auf Kaffee und Schokolade möchte ich auch nicht verzichten.

Motorcycle packing Motorcycle packing

14. Welche Ecke des Planeten möchtest du auf jeden Fall noch bereisen/sehen?

Alle Ecken? Doch ganz generell mag ich Länder mit einer geringen Bevölkerungsdichte und viel Natur am liebsten. Dort kann ich ungestört „ich“ sein, und habe aufgrund der dünnen Besiedlung viele Freiheiten, die in Europa leider kaum möglich sind. Ich kann nicht einfach so im Bayrischen Wald mit einer Axt spazieren gehen und mir eine Blockhütte bauen – in Nord Kanada wäre dies kein Problem.

Tadschikistan Tadschikistan

15. Was war Dein längster Aufenthalt an einem Ort, während Deiner 23 Jahre?

Neben Argentinien, der Mongolei, Iran, Sudan und Bolivien, gehört China definitiv zu meinen persönlichen Lieblingsreiseländern. Zeitdruck kenne ich nicht – ich gebe gas, ich bremse, ich bleibe wo ich willkommen bin, und fahre weiter wenn nicht. Da ist Leben in Deutschland schwieriger, wo man mit den Nachbarn auskommen muss wenn man fest irgendwo wohnt! Leider ist es aber so, dass ich als Tourist nicht überall so lange bleiben darf, wie ich vielleicht möchte. Oft wird ein Visum nur für maximal 30 oder 90 Tage ausgestellt. Einige Länder sind aber großzügiger gewesen, und Visumsverlängerungen waren möglich. In Chile, Argentinien, Südafrika, Malaysia, Thailand und Indonesien konnte ich jeweils neun Monate bleiben, und in Australien sogar zwei Jahre. Dort war ich am längsten.

16. Was hast Du für Dich in den 23 Jahren bisher gelernt? Gibt es eine Art Lebensweisheit?

Unterwegs trifft man immer wieder Leute, die einem willkommen heißen und eine unvertraute Stadt zu einer Heimat auf Zeit machen. Ich hätte es nicht zwei Jahrzehnte auf großer Fahrt ausgehalten, ohne all diese lieben Menschen. Natürlich gibt es auch viele Leute, die weniger tolerant sind, und kaum so viel Empathie aufbringen wie eine Malariamücke. Als Reisende hoffen wir aber stets, diesen nicht zu oft zu begegnen. Von diesen Begegnungen in der Fremde habe ich eine wichtige Sache gelernt: Es gibt keine universellen anthropologischen Konstanten. Nichts wird weltweit geglaubt, es gibt keine einstimmigen Entscheidungen zwischen Richtig oder Falsch, keine allgemein verbindlichen moralischen und ethischen Standards und keine allen gemeinsame Religion. Dies anzuerkennen, hat Konsequenzen: Der Besucher irgendeiner Ecke der Welt muss sich vom absoluten Anspruch auf Wahrheit frei machen und es hinnehmen, dass alle Gedanken persönlich und gleichwertig sind, wo man sie auch antrifft. Man muss nicht die Überzeugungen anderer im eigenen Leben übernehmen, aber das Mindeste ist, zuzuhören und anderen das Recht auf eine eigene Meinung einzuräumen. Würden mehr Menschen danach handeln, und ihre Konflikte diplomatisch beizulegen versuchen, würde es auf dieser Erde wesentlich friedlicher zugehen. Ein bisschen Bescheidenheit, so glaube ich, wird die Menschheit in den nächsten Jahrhunderten verzweifelt nötig haben, wenn sie überleben will. China China

17. Du warst auf allen Kontinenten. Wenn Du jeden Kontinent mit zwei, max. drei Sätzen beschreiben müsstest, was würdest Du schreiben? (Europa, Afrika, Asien, Australien/Ozeanien, Amerika)

Ich könnte über jeden Kontinent zwei, drei Bücher schreiben … aber nie zwei, drei Sätze. Ungenaue Generalisierungen möchte ich vermeiden.

18. Welche Person würdest Du gerne mal treffen?

Ehrlich gesagt, habe ich da keine Präferenzen. Wenn man viele hunderttausend Kilometer um die Welt fährt, trifft man unzählige Individuen aus unterschiedlichsten Kulturkreisen, von denen jeder Einzelne eine eigene Geschichte und Gedankenwelt hat. Keine zwei Menschen sind sich je gleich, und obwohl ich manche Ähnlichkeiten entdecken konnte, habe ich niemals “Klone” angetroffen, deren Gedanken und Träume sich wie Kopien glichen. Jeder Mensch ist einzigartig, und anonyme Zeitgenossen, die ich unterwegs getroffen habe, treffe ich genauso gerne, wie berühmte Persönlichkeiten. Es kümmert mich nicht, ob sie Kernphysiker sind oder ungebildete Gauchos auf einem Pferd. Aber gut … Wenn ich eine Dinnerparty veranstalten würde und fünf historische Personen einladen dürfte, wäre eine davon sicher Dschingis Khan. Um ihn herum säßen Albert Einstein, Laotse, Walt Whitman und Richard Branson. Vielleicht könnte Mr. Bean den Kellner spielen. Das würde ein lustiger Abend werden!

Chile Chile

19. Zurzeit bist Du in Slowenien unterwegs. Für nächstes Jahr planst Du je nach weltweiter Corona Situation, einen Trip in Richtung Mongolei? Geht es wieder in die Richtung einer Weltumrundung, oder lässt Du dich treiben?

Meine Reiseträume sind so zahlreich, dass ich nicht einmal einen Bruchteil davon verwirklichen könnte. Es gibt noch so viel zu entdecken, und eine vierte Weltumrundung würde mir gefallen! Wenn uns weiterhin danach ist, können wir nach meiner Schätzung noch 30 Jahre unterwegs sein. Aber wer sieht schon die Zukunft voraus? Möchte ich auch gar nicht – wo bliebe da die Spannung? Im Augenblick konzentrieren wir uns nur auf die nächste Etappe: eine Europareise mit Kevin, zumindest bis die Grenzen nach Asien wieder offen sind. Dann sehen wir weiter. Ich bin jetzt 50, und es ist wahr: meine Wünsche und Bedürfnisse haben sich im Laufe der Zeit verändert. Mein Leben lang habe ich meine Träume verwirklicht, den Schwierigskeitsgraden nach geordnet. Mit hartem körperlichem Einsatz auf Solo-Expeditionen habe ich begonnen, und irgendwann wird es mir genügen, Hunde spazieren zu führen oder in der Hängematte zu schaukeln. Das ist in jedem Fall schlauer, als umgekehrt zu verfahren und den Amazonastrip mit 95 verwirklichen zu wollen. Es wäre doch ärgerlich, ständig festzustecken, weil sich Lianen um die Rollstuhlspeichen gewunden haben. Der Postkögel Der Postkögel

20. Wie stellst du Dir deine Zukunft vor? Denkst du schon ans hochbetagte Alter, wenn du vielleicht nicht mehr mobil unterwegs sein kannst? (Frage auf Grund einer Diskussion in Social Media )

Ich finde es nett, dass sich einige User Sorgen um mein Wohlbefinden im Alter machen. In der Tat: meine Rentenansprüche in Deutschland sind gleich Null. Befürchtungen, dass ich irgendwann auf Kosten des deutschen Staates leben möchte, sind jedoch völlig unbegründet.

Erstens betrachte ich Deutschland nicht als meine Heimat – weder Laura noch ich möchten dort als „Oldtimer“ fest leben. Vielleicht verschlägt es uns zuletzt nach Argentinien, Spanien oder in die italienischen Dolomiten, wo wir als zwei erfrischend exzentrische Individuen unsere alten Tage verbringen können? Auf keinen Fall werden wir das Reisen ganz aufgeben, aber es kann sein, dass wir weniger strapaziösen Aktivitäten nachgehen. Wir können uns mit Bergwandern vergnügen statt mit Klettern, mit Schnorcheln statt mit Tiefseetauchen, und wir sollten eher im Schach wetteifern als im Abfahrtslauf. Und sollte es so weit kommen, dass wir es nicht mehr schaffen, mit dem Motorrad durch die Mongolei zu fahren, dann führe ich Hunde spazieren, trinke Wein im Wohnmobil, und schreibe vielleicht Band 10 der „Hinter dem Horizont“ Dekalogie.

Denn – und dies ist der zweite Punkt – die Unfähigkeit, physisch zu reisen, hindert mich nicht am Schreiben. Ich habe meine Leidenschaft zum Beruf gemacht, und „Mobilität“ ist keine Voraussetzung für Autoren. Solange mein Gehirn noch einigermaßen arbeitet, und sich nicht zu viel Neuronenrost gebildet hat, werde ich immer nebenbei Geld verdienen können – auch mit 85.

Drittens … es dürfte inzwischen bekannt sein, dass ich ein freiheitsliebender Weltenbummler bin. Ich teile die Ansichten von Bernard Moitessier, dem berühmten französischen Segler. Er wollte dahin gehen, wo „man ein Boot anleinen kann, wo es einem gefällt, und wo die Sonne nichts kostet und auch die Luft, die man atmet, und das Meer, in dem man schwimmt. Mein Land ist eines, in dem die Gesetze streng, aber einfach sind, ein Land, in dem man nicht betrogen wird, ein riesiges Land ohne Grenzen, wo sich das Leben in der Gegenwart abspielt. In diesem grenzenlosen Land von Wind, Licht und Frieden gibt es keinen Herrscher außer dem Meer.“ Ich stehe ein für das Recht eines jeden, im Privatleben vom Staat in Ruhe gelassen zu werden, wie es der Erste Senat des Bundesverfassungsgerichts formuliert. Die Freiheit, die ich seit 1997 genieße, möchte ich weiterhin bewahren. Ich schulde dem Staat nichts, und erwarte vom Staat noch weniger. Beihilfen im Alter, selbst wenn ich darauf Anspruch hätte (was aber nicht der Fall ist), würde ich nicht annehmen wollen.

Geld braucht man trotzdem im Alter. Sollte mein Einkommen als Schriftsteller später nicht ausreichen, dann muss ich auf meine privaten Ersparnisse zurückgreifen. Bedenke dabei dass mein Haus vier Räder und knappe sieben Kubikmeter Wohnraum hat – ich lebe minimalistisch, und komme mit sehr wenig aus. (Siehe dazu auch Interviewfrage 7)
unterwegs in Kasachstan unterwegs in Kasachstan

21. Welchen wichtigen Tipp könnest Du anderen Abenteurern mit auf den Weg geben?

Ein unbekannter Dichter schrieb einst: „Bloß leben genügt nicht. Das Leben muss Qualität haben, wenn es denn lebenswert sein soll. Und für Qualität müssen wir bereit sein, einige Risiken einzugehen und einige Strapazen zu erdulden.“ Das könnte ich unterschreiben, allerdings mit einer Randbemerkung: so arg viele Risiken birgt das Reisen nicht, sofern man mit Vernunft um die Welt fährt. Gefahren – abgesehen von denen an einigen Brennpunkten – werden von unseren Medien oft maßlos übertrieben. Sollten wir nicht wissen, dass überall auf der Welt die Hauptsorge der Bevölkerung der Ernährung der Familie und einem Leben in Frieden gilt und nicht dem Ziel, Overlander zur Strecke zu bringen? Und gibt es nicht auch in den Vereinigten Staaten oder Europa Schießereien, Diebstahl, Kidnapping, Krankheit und Gewalt? In Wahrheit können sich unangenehme Zwischenfälle ÜBERALL ereignen. Also nur Mut! Wir haben die Freiheit, unser Schicksal selbst zu bestimmen, in der Welt nach Werten zu suchen, die wir als anregend empfinden, Regeln niederschreiben, nach denen wir leben möchten und entdecken, was für uns und unsere Liebsten das Beste ist. Ich wünsche eine gute Lebensreise, und mögt Ihr, wie es unter Overlandern heißt, stets eine Handbreit Benzin im Tank haben! Christopher Many in China Christopher Many in China

Weblinks

Um mehr Infos über die Reisen und die künftigen Projekte von Christopher Many zu erhalten, besuche entweder seine Website (www.christopher-many.com) oder nehme direkt mit dem Autor über die Facebook-Seite seines Buchs Kontakt auf (www.facebook.com/Hinter.dem.Horizont.links).

Bücher von Christopher Many

Christopher Manys Horizonte-Serie begann mit seinem Debüt „Hinter dem Horizont links – Acht Jahre mit dem Land Rover um die Welt“, das am 4. Juli 2011 im Verlag Delius Klasing erschien. Die englische Ausgabe mit dem Titel „Left Beyond the Horizon – A Land Rover Odyssee“ kam am 4. Dezember 2015 auf den Markt. Sehbehinderte können über BLISTA und die Deutsche Zentralbücherei für Blinde in Leipzig ein Exemplar in Braille bestellen. Denn der Autor möchte, dass jeder die Möglichkeit hat, auf literarischem Weg die Welt zu entdecken. „Hinter dem Horizont rechts“ ist das zweite Buch der Serie und wurde im September 2016 erstmals veröffentlicht, gleichzeitig auf Deutsch und Englisch (englischer Titel: „Right Beyond the Horizon – A Motorcycle Odyssee“). Es ist neben der Druckversion auch als E-Book (Kindle, PDF und ePub) in deutscher und englischer Sprache in jeder Buchhandlung oder bei Amazon.de erhältlich.

Weitere Informationen

 

6 Antworten

    1. Danke Heike … Mikes Fragen waren aber auch recht gut. Und wie Friedrich Nietzsche einst gesagt hat: „Dem guten Frager ist schon halb geantwortet“ 🙂
      Liebe Grüße aus Kroatien und gute Reise,
      Chris

    1. Hallo Kerstin und Sascha! Hmm … ich denke Band III wird „Hinter dem Horizont und immer geradeaus“ heißen 🙂 Hoffen wir, dass wir die Welt ab Neujahr wieder entdecken dürfen. Ich bin als unverbesserlicher Optimist zuversichtlich … Ihr auch? Liebe Grüße aus Kroatien und „prost Glühwein“, Chris

  1. Ein tolles Interview und ein spannender Artikel!

    In der Heimat die Zelte abzubrechen, keine fortlaufenden Kosten mehr zu haben, ist eben nur ein Part vom Langzeitreisen. Unterwegs die Reisekasse füllen zu können, am besten noch mit dem Reisen selber – habe ich selten so ausgewogen gelesen wie bei Christopher.

    Viele schaffen das erst als Frührentner, und haben so schon eine regelmässigen kleine Einnahmequelle und damit einhergehende Unabhängigkeit.

    Gruess, Heinz

    1. Hallo Heinz!

      Es freut mich sehr, dass Dir meine Antworten ein bisschen gefallen haben. Und ich stimme Dir 100-prozentig zu: Eine gewisse innere Ausgewogenheit zu haben macht das Leben als Nomade viel einfacher.

      Die Erlangung von Unabhängigkeit muss man sich erarbeiten. Wobei es mir 1997 recht leicht fiel, meine flachen Wurzeln aus dem Mutterboden der konventionellen, westlichen Gesellschaft zu reißen und für unbestimmte Zeit auf Wanderschaft zu gehen. Anders als Menschen, die lange Vorbereitungen brauchen, bis sie sich von ihrem früheren Leben lösen und ihrer Sehnsucht nach Langzeitreisen folgen, konnte ich ganz spontan aufbrechen. Jung wie ich damals war, besaß ich fast nichts – ich hatte keinen Job zu kündigen, keine Hypothek abzubezahlen und keine Möbel zu verkaufen. Die wenigen Sachen, die nicht ins Topcase meines Motorrads passten, konnte ich Freunden schenken oder in der Garage meiner Eltern deponieren. Zugegeben, der Abschied von meiner Familie war schwer – aber ich hatte weder Kinder noch eine feste Partnerin.

      Nachdem ich die losen Fesseln gesprengt und Sesshaftigkeit den Rücken gekehrt hatte, war das schwerste Stück Weg bewältigt. Das Reisen an sich erfordert keinen Wagemut. Schon Tausende Overlander sind zu ähnlichen Touren aufgebrochen. Kerngesund, unbeschwert durch familiäre Bande, und ohne Verpflichtungen um die Welt zu fahren ist einfach, vorausgesetzt man mag einen minimalistischen Lebensstil und pfeift auf Vermögen und eine exakt planbare Zukunft.

      Nach so vielen Jahren auf Achse glaube ich, nun mit Bestimmtheit sagen zu können, dass die Wahl eines Nomadenlebens für mich persönlich die beste war. Ich bin froh, nicht bis zur Rente (oder Frührente) gewartet zu haben – denn erst im Alter loszufahren mag zwar aus finanzieller Sicht etwas einfacher sein, doch die Wurzeln aus dem gewohnten Mutterboden zu reißen, fällt einem dann oft viel schwerer.

      Frohe Festtage und gute Reise wünsche ich Dir! Chris

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