Das Baltikum 1999 – Mit dem Fahrrad von Berlin zum Nordkap

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Die polnisch – litauische Grenze erreiche ich nach 11 Tagen. Auf polnischer Seite ging alles relativ schnell – Stempel und Tschüss! Auf lit. Seite hingegen musste ich zuerst zur Passkontrolle, dann 200m fahren, Zollkontrolle, 300m fahren zur letzten Kontrolle und zurück zum Anfang, da mir ein Beamter vergessen hatte, einen Stempel in den Pass zu drücken. Voller Stolz darf ich nun behaupten das ich die Grenze jetzt sehr gut kenne. In meiner ersten Nacht auf litauischen Gebiet, erlebte ich den wohl bisher herrlichsten Sternenhimmel meines Lebens.

Unzählige Sterne in den verschiedensten Farben funkelten zu mir runter. Eine alte Weisheit, die ich auch in einem Survival Buch gelesen hatte, besagte das es bei einem Sternen klaren Himmel, in Mai, doch noch recht kalt werden könnte, in dieser Region wo ich mich befand. Meine Augen füllten sich aber mit den Träumen des Lebens, welche mich das Survival – Wissen vergessen liessen. Aus dem Traum erwacht, hatte sich über Nacht eine Eisschicht auf meinem Schlafsack und den Taschen gebildet.Auf meinem Weg über Kalvarija, Alitus nach Vilnius radelte ich an vielen Feldern vorbei.

Die Bauern waren gerade damit beschäftigt ihre Felder zu bestellen. Überwiegend wird hier noch mit Pferd und Pflug gearbeitet, per Hand ausgesät und geerntet. Die Menschen laufen den ganzen Tag gebückt über das Feld und haben immer noch ein lächeln im Gesicht wenn sie sich aufrichten. Ich an ihrer stelle würde mich sicher erst mal strecken und recken. Und meine Lächeln wäre sicher mehr verkrampft als frühliche.In Richtung Vilnius begegnete mir eines Morgens eine dieser `wilden` Pferdekutschen.

Ein Pärchen so Mitte 30ig sass auf der Kutsche und war völlig hin und weg von meinem bepackten Fahrrad. Mit Blick auf mich, grossen Augen und offenem Mund steuerten sie geradewegs in Richtung Strassengraben. Zum Glück erkannte der Mann rechtzeitig den Fehler und konnte die Kutsche noch abfangen und wieder auf alle vier Räder bringen. Beide Seiten nahmen es locker und lachten über den Vorfall. Wenige Kilometer weiter kam mir ein Baufahrzeug, so mit Rundumlicht usw., entgegen. Als mich die 5 Insassen erblicken wurde alles was funkelt und Lärm macht eingeschaltet.

Ich übertreibe nicht wenn ich sage, das alle im Auto befindlichen Personen irgendwelchen Quatsch im Auto machten um mich zu grüssen. Nach drei Tagen Fahrt erreiche ich Vilnius. Den Verkehr in der Hauptstadt von Litauen würde ich als erträglich bezeichnen, da mich der Verkehr in Istanbul hat neue Massstäbe setzen lassen. Die ersten Kilometer nach Vilnius rein, gestalteten lustiger als gedacht. Viele Autofahrer hiessen mich durch Hupkonzerte, Daumen nach oben oder winke- winke willkommen. Busse fuhren vorbei und ein jeder Insasse, welcher mich ansah, schenkte mir ein lächeln.

Ich unternahm eine kleine Stadtrundfahrt. Vilnius war zu diesem Zeitpunkt, genauso wie Berlin, eine grosse Baustelle. Überalle wurde saniert und gebaut. So blieben mir einige wunderschöne alte Gebäude versperrt. Gegen Nachmittag machte ich mich wieder auf den Weg raus aus Vilnius und radelte weiter in Richtung Lettland. Bis zur Grenze brauchte ich noch weiter 3 Tage.

An der Grenze zu Lettland ging alles relativ schnell. Auf litauischer Seite – Stempel und Tschüss, auf lettischer Seite, Passkontrolle! Der Blick in mein Gesicht des Grenzer verrät mir, das er wohl Probleme hat mich mit dem Vollbart jetzt und ohne Bart im Pass wieder zu erkennen. Mmhh – okay – Stempel und Herzlich willkommen! Auch in Lettland Gegenwind vom feinste. Wieso sollte es auch anders sein?

So kämpfte ich mich weiter bis Banska ohne Geld und ohne etwas im Margen. Kaum in Banska angekommen, spazierte ich in die erste Tankstelle um Geld zu tauschen, da ich keine Bank erblickte, mein Margen aber nach Arbeit schrie. ` Kein Problem, aber sie müssen etwas kaufen, damit ich Ihnen Geld tauschen kann…, gab mir die nette und überaus attraktive Verkäuferin zu verstehen. `Na sofort…, dachte ich mir. Nur als ich dann 40,- DM hingab und 12,43 lettische Kornen zurück bekam, wurde ich das Gefühl nicht los, gerade ebbend betrogen worden zu sein. Der Umtauschkurs von 1:0,308 verwirrte doch etwas.

Mein Ziel war es nun soweit wie möglich an Riga heranzukommen, damit ich am nächsten Tag mehr Zeit für die Stadt habe.Die Einfahrt nach Riga gestaltete sich etwas komplizierter als gedacht. Ganze zwei phantastische Hinweisschilder sollten mir den Weg ins Zentrum, von offizieller Seite aus, zeigen. Zu meinem Glück hatte ich einen kleinen Cityplan und meinen guten Orientierungsinn dabei. Dies beides in Kombination verhalf mir dann in die Altstadt vorzudringen. Bei einer Pause im Park, nahe der Petrikirche, schrieb ich ein paar Postkarten und wurde dabei ungewollte eine Touristenattraktion.

Fotos von dem seltenen Geschöpf mit dem Radel wurden gemacht. Nur Autogramme wollte zum Glück keiner haben. Wie in Litauen sah ich immer wieder Menschen mit Pferd und Pflug über die Felder fahren. Die Landwirtschaft von Lettland war einst die Basis des Landes. Heute jedoch spielt sie ein untergeordnete Rolle, obgleich doch fast zwei Drittel des Territoriums genutzt werden. Bei vielen Wohnblocks befinden sich unzählige Kleingärten, wo die Bewohner Möhren, Radieschen, Basilikum usw. anbauen.

Am Grenzort Valga, welcher der Übergang zwischen Lettland und Estland ist, suchte ich mir den Weg zum deutschen Soldatenfriedhof. Hier sind unbekannte Soldaten des zweiten Weltkrieges begraben. Ein bedruckendes Gefühl stieg in mir auf. Ich musste an die unbekannten Soldaten denken die hier begraben sind. Weit weg von ihrer Heimat. Für einen Krieg für den sie selber nichts konnten. `Ob wohl die Angehörigen wissen, das ihre Verwandten hier liegen, ging es mir durch den Kopf. Mir war doch etwas anders als ich wieder los fuhr! Wieder zurück in Valga suchte ich mir den Weg zu Grenze nach Estland. Ich fragte zwei Polizisten nach dem Weg. ` You drive straight on and left…, gab er mir zu verstehen.

Doch als ich nach links abbog kippte ich fast aus den Schuhen, als ich sah, das mitten in der Stadt ein Grenzposten stand. Eine Stadt die durch die Unabhängigkeit beider Staaten geteilt wurde. Zum Glück gibt es keinen Zaun. Nur Pfähle markieren die Grenze. Zu dem können die Menschen auch frei zwischen den Ländern hin und her pendeln. Auf estländischer Seite sah alles herunter gekommener aus als in den anderen beiden baltischen Staaten. Hier sah man mehr die Einflüsse der ehemaligen Sowjetunion. Strassen die nur noch aus einem Flickenteppich bestanden, kaputte Häuser, marode Fabrikhallen. Erst als ich nach Otep abbog wurde die Strasse besser. Mein nächstes Ziel sollte nun der grosse Grenzsee Peipussee werden. Hier erhofft ich mir endlich mein erstes Bad in einem See. Doch auf meinem Abschnitt von Kallaste nach Mustvee gab es nicht einen Platz an dem ich hätte mein Nachtlager in Ruhe aufschlagen können. Die Strecke entlang dem Peipussee bot auch nicht die Abwechslung die ich mir erwünschte. Sicher war ich schon zu sehr mit meinen Gedanken in Skandinavien.

Mein Tor nach Skandinavien. Tallinn verblüffte mich. Sah ich noch in Estland viele zerfallende Häuser, so besass Tallinn eine sehr gut erhaltende Altstadt. Irgend etwas strahlte die Stadt aus. Ja diese Stadt zog mich in Ihren Bann mit all den kleinen Geschäften und Cafes. Im Park sitzend, schrieb ich ein paar Postkarten für die daheim geblieben, bevor ich mich auf den Weg zum Hafen machte. Der Weg zum Hafen war erstaunlich gut Ausgeschildert – wenn ich die Beschilderung in allen baltischen Staaten vergleichen darf. Der Fahrkartenkauf, für mein Ticket nach Helsinki, war kein Problem. Am Terminal D empfingen mich zwei nette Damen, die mir mit einem lächeln 65,- DM für die überfahrt abkassierten.

An Bord der Schnellfähre warteten alle Passagiere auf das Ablegen. Um das warten nicht alt zu monoton zu gestalten wurden uns allen die Sicherheitsmassnahmen an Bord erklärt; wo den was ist, wenn den was passiert. Danach wurden zu Aufmunterung uns aller Musikvideos vorgespielt. Die Beatles mit `Help` starteten die Videoeinlage. Passt doch! Kaum waren wir auf Hoher See ging das Geschunkel auch schon los. Vor – zurück, rechts – links. Einige der Mitreisenden wurden zu Besatzern der Toilette, andere sassen ruhig in ihren Sesseln und wieder andere Spazierten ständig ins Restaurant. Ich für meinen Teil befand mich immer in der Nähe des Notausganges und der Rettungsboote. Mich überkommt immer ein klein wenig unbegründete Angst bei Fährfahrten.

Eva & Mike Strübing

Wir, die gebürtige Oberpfälzerin Eva und der gebürtige Berliner Mike schreiten seit 2006 gemeinsam durchs Leben. Die Lust am Reisen, am Sport und das Erleben anderer Kulturen schweißt uns zusammen. Ein Leben ohne bewußtes erleben wäre für uns beide nicht vorstellbar. Den Leben ist Reisen, wie reisen leben ist.

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