Nicola Haardt im Interview – Mit dem Fahrrad zum Baikalsee

Tief im Westen, wie einst Herbert Grönemeyer sang, ist Nicoal Haardt in Bochum aufgewachsen. 2005 bis 2006 radelte sie alleine mit dem  Fahrrad tief in den Osten zum sibirischen Baikalsee und zurück. 20.000 Kilometer standen am Ende einer beeindruckenden Reise auf dem Tacho. Wir hatten die große Ehre, Nicola unsere Fragen stellen zu dürfen.

Wann und wo bist Du geboren?

1971 in Bochum

Was hast Du vor Deinem Reiseabenteuer gemacht?

Ich habe im Großraum Berlin & Potsdam gewohnt und als GIS-Bearbeiterin gearbeitet. Die Wohnung habe ich dann gekündigt und meinen Kunden gesagt, dass ich jetzt erst mal nicht mehr verfügbar bin.

Tien Shan Gebirge - Asien
Tien Shan Gebirge - Asien

Du bist 20.000 Kilometer mit dem Fahrrad zum Baikalsee gefahren. Was war der Reiz genau dorthin zu radeln?

Kleine Korrektur: Die 20.000 km waren Hin- und Rückweg. Soooweit weg ist der Baikal nun doch nicht, bzw. meine Schlangenlinien nicht ganz so ausgeprägt ;-). Das Ziel „Baikal“ war eigentlich nur ein Zufallsprodukt. Wie von vielen Reisenden war auch für mich der Weg das eigentliche Ziel. Ich wollte Russland kennenlernen, „erfahren“. Das war ein Wunsch, der über die Jahre immer stärker geworden ist. Es scheint in mir einen Magneten gen Osten zu geben. Aber ich wollte nun nicht einfach losfahren, sondern brauchte für mich etwas zum Anpeilen. Ich überlegte, dass wenn man früh genug im Jahr in Deutschland startet, man vermutlich 6 Monate ohne Schnee und Eis radeln konnte, bevor dann in Russland der Winter einbricht. Sehr grob habe ich die Kilometer geschätzt, die man in einem halben Jahr schaffen könnte und mit einem Lineal diese Strecke dann in meinem Schulatlas Richtung Osten abgemessen und siehe da, da war der Baikal. Nicht zu übersehen und ein „Ort“ den man schon mal gehört hat – ein gutes Ziel also. Es war mir aber überhaupt nicht wichtig, dass ich dort wirklich ankomme. Beim Losfahren habe ich nicht ernsthaft daran geglaubt. Dass der Baikal dann nach der absolut genialen Fahrt auch nochmal der absolute Hammer war, das war wie ein Zusatzgeschenk obendrauf.

Kamen Dir in Deinen Reisevorbereitungen jemals Zweifel an dem, was Du planst?

Nein, keine Zweifel, aber ein paar schlaflose Nächte (siehe nächste Frage). Es war für mich der Versuch, einen Traum zu verwirklichen – warum sollte ich daran zweifeln. Und für mich war es wirklich ja nur ein Versuch, ich hätte jederzeit mit dem Zug nach Hause fahren können. Wenn ich unterwegs gemerkt hätte, dass das Vorhaben also doch nicht so „traumhaft“ ist, dann hätte ich es abgebrochen. Insofern war es für mich bei der Abreise durchaus realistisch, dass ich 14 Tage später wieder zurück bin. Kleine Ergänzung: Eigentlich war mein Plan, maximal ein halbes Jahr unterwegs zu sein – letztendlich sind 1,5 Jahre daraus geworden …

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Du warst alleine als Frau unterwegs. War das für Dich selbst in der Vorbereitung ein Thema, über das Du nachgedacht hast, oder war das nur ein Thema für andere?

Ja, das war auch für mich ein Thema. Eigentlich wollte ich auch gar nicht alleine fahren, sondern habe lange einen Reisepartner gesucht. Ich habe tatsächlich Gedanken gehabt wie: „Als Mann würdest Du auch alleine losfahren – aber als Frau? Geht doch nicht …“. Heute für mich nicht mehr nachvollziehbare Gedanken … Nachdem ich aber einfach keinen Reisepartner finden konnte (entweder war Osten die falsche Himmelsrichtung oder ein halbes Jahr zu lang), habe ich mich dann irgendwann gefragt: „Warum eigentlich nicht als Frau alleine? Versuch es doch einfach!“ Ich könnte ja jederzeit die Reise abbrechen und wieder nach Hause fahren – ich musste mir nichts beweisen oder etwas „durchziehen“. Und was vor der Reise noch ein Problem war, hat sich unterwegs als Pluspunkt erwiesen: Ich hatte sehr oft das Gefühl, regelrecht einen Frauen-Bonus zu haben :-). Aber das wusste ich ja vor der Abfahrt nicht und nach Beantragung des russischen Visums hatte ich nachts regelmäßige Alpträume von besoffenen Russen und wilden Bären, die mich in meinem Zelt „besuchen“. Was ich selbst faszinierend fand: Unterwegs waren von der ersten Nacht an diese Träume weg. Alleine zu fahren war eine super Entscheidung!

Melonenpause Kirgisstan
Melonenpause Kirgisstan

Was war der schönste Moment auf Deiner Reise?

Ich war noch nie so lange am Stück so glücklich, da ist es unmöglich einen schönsten Moment zu benennen. Oft hatte ich den Gedanken, ob ich nicht jetzt die Reise abbrechen sollte, weil es doch so genial gar nicht mehr werden kann (man soll ja schließlich aufhören, wenn es am schönsten ist). Aber es kamen einfach immer weiter diese herausragend schönen Momente. In Kaliningrad haben mich zwei russische Kerle in einen Bernsteinkeller gelockt, am Anfang von Zentralrussland wurde aus einem „Wasserflaschenauffüllen“ ein 2-tägiger Familienaufenthalt mit vielen Tränen beim Abschied, im Wolgagebiet gab es für mich auf einer Datscha ein unvergessliches Klavierkonzert – ich könnte die Liste nun unendlich weiterführen. Die vielen kleinen Begegnungen am Straßenrad, die so intensiv waren, dass sie mich regelrecht „getragen“ haben. Außerdem natürlich die faszinierenden Landschaften – wobei da vielleicht das Sarjan-Gebirge in Tuva und der Tien-Shan in Kirgistan ganz besondere Highlights waren. Und mein Ziel hat sich nicht als „irgendein“ See entpuppt – der Baikal hat mich dann wirklich nochmal komplett überwältigt. Mit seiner Aura, den Menschen, der Landschaft – die Ankunft und die Zeit dort am Baikal war schon wirklich sehr besonders. Die ersten 14 Tage war ich durchgehend wie auf Drogen – in einem absoluten Glücksrausch.

Gab es negative Erlebnisse, Zusammentreffen, Ereignisse, an die du nicht so gerne zurückdenkst?

Nein, bzw. die extrem wenigen negativen Momente werden durch unzählige positive Momente so überlagert, dass sie total verblasst sind und keine Rolle spielen. Festgestellt habe ich unterwegs, dass ich wirklich Angst vor Gewitter habe und das Zusammentreffen mit Mücken mir so richtig die Stimmung vermiesen kann. Aber ich habe keine Probleme damit, daran zurückzudenken. In gewitter- und mückenfreien Zeiten amüsieren mich meine Reaktionen darauf sogar.

Was hast Du auf Reisen für Dich gelernt?

Russisch! Und was ich vorher auch noch nicht so gut konnte, war auf Lagerfeuer kochen – wobei es besonders gut auf Dungfeuer geht.

in Zentralrussland
in Zentralrussland

Haben sich auf Deiner Reise evtl. Vorurteile bestätigt?

Nein. Ich würde eigentlich sagen, dass ich ziemlich vorurteilsfrei unterwegs war. Dadurch konnte sich da weder was bestätigen noch widerlegen. Wobei es ja doch ein Vorurteil gab, was sich ganz klar widerlegt hat: Dass man als Frau allein so eine Reise nicht machen kann.

Was war schöner als Daheim?

Die zaunfreie Weite der Landschaft, morgens nicht zu wissen wo man abends sein wird. Überhaupt draußen zu leben, im Zelt, auf Lagerfeuer kochen – regelrecht geerdet zu sein. So vielfältige Kontakte zu unterschiedlichsten Menschen zu bekommen. Auch selbst offen und neugierig auf alles zu sein. Und, auch das sollte mal erwähnt werden: Soviel essen zu können wie man will, ohne die Gefahr, dass die Hosen nicht mehr passen.

Nachbarinnen laden ein
Nachbarinnen laden ein

Was war anstrengender als Daheim?

Wäsche waschen! Die Waschmaschine ist meiner Meinung nach eine der besten Erfindungen der Moderne. Wäsche per Hand zu waschen gehört definitiv nicht zu meinen Lieblingsbeschäftigungen.

Was war für Dich schwieriger auf Reisen, das Losfahren oder das zurückkommen?

Ganz klar das Zurückkommen.

sibirische Taufe
sibirische Taufe

Du warst anderthalb Jahre unterwegs. Hast Du Dich nie einsam gefühlt?

Nein, niemals. Was vielleicht auch daran liegt, dass ich ganz gut mit mir allein sein kann. Aber vor allem lag es an den täglichen, unzähligen Begegnungen mit Menschen, die einfach unglaublich waren. So herzlich, so offen, so neugierig und oft sehr intensiv. Und dann war da ja noch Wanjuscha – mein Fahrrad – der war ja immer an meiner Seite.

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Was bedeutet Heimat für Dich?

Heimat hat für mich eigentlich keine große Bedeutung. Was ist das überhaupt genau? Vermutlich würde ich Deutschland, den Ruhrpott und Bochum als meine Heimat bezeichnen, weil ich dort aufgewachsen bin und geprägt wurde. Auf der Rücktour vom Baikal bin ich in Polen durch einen Buchenwald gefahren und durch den Geruch (es hatte kurz vorher noch geregnet) wurde in mir ein heimatliches Gefühl ausgelöst. Das war überraschend und toll. Seitdem weiß ich, dass Buchenmischwälder für mich als Heimat eine Bedeutung haben.

Hirten in Kasachstan
Hirten in Kasachstan

Welchen wichtigen Tipp kannst Du anderen Abenteurern mit auf den Weg geben?

Ich würde mich überhaupt nicht als Abenteurerin bezeichnen, daher versuche ich es mal mit allgemeinen Reisetipps: Möglichst offen und ohne Vorurteile unterwegs sein. Und: Weniger ist mehr! Strecken/Orte nicht abklappern, sondern wirklich dort sein. Der Seele die Zeit lassen mitzukommen. Und konkret auf Radtouren: Nebenstrecken statt Hauptstraßen fahren.

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