Rezension: Der Ruf der Stille (Michael Finkel)

Um aus der unglaublichen Masse an Berichten über Aussteiger aus dem alltäglichen Leben herauszustechen, bedarf es schon eines besonderen Inhalts. Wie wäre es damit: 1986 begibt sich der erst 20-jährige Christopher Knight auf einen zunächst unscheinbaren Roadtrip nach Maine. Sein Wunsch nach absoluter Einsamkeit und Stille ist jedoch so gewaltig, dass er sein Auto stehen und alles hinter sich lässt, um für unglaubliche 27 Jahre lang alleine draußen in der Waldwildnis zu leben.

Der Journalist Michael Finkel hat sich seiner Geschichte angenommen, hartnäckig recherchiert und in feinfühliger Kleinarbeit zumindest zeitweise einen Kontakt zu dem nach wie vor menschenscheuen Knight aufgebaut. Allein diese mühsame Annäherung an einen Menschen, der sowohl extrem schüchtern als auch extrem konsequent ist und einfach nicht in diese, „unsere“ im wahrsten Sinne des Wortes „Gesellschaft“ passt oder passen möchte, ist sehr lesenswert. Hinzu kommt die fesselnde und detaillierte Beschreibung des Lebens alleine in der Wildnis mit den damit verbundenen alltäglichen Problemen und Sorgen: Wie schafft man es, sich über Jahrzehnte mit allem Nötigen zu versorgen, um die harten Winter in Maine im Freien zu überstehen? All dies noch dazu, ohne Kontakt zu anderen Menschen zu haben? Immer wieder wird spannend berichtet, wie oft es knapp und Knight beinahe entdeckt wurde und er hierdurch zum wahren Meister im Nichtgesehen (bzw. -erwischt) werden mutierte.

Und immer wieder die Gretchenfrage: Wie verbringt man diese immense Zeit nur mit sich selbst, „ver“-rückt aus dem alten Leben hinein in diese absolute Einsamkeit ohne verrückt zu werden? Was bedeutet es, wenn man (unfreiwillig) nach 27 Jahren wieder in die Welt zurückgebracht wird und (als Spitze der Konterkarikatur, ebenso unfreiwillig!) zur absoluten Berühmtheit mutiert? Nicht auf alle Fragen gibt es Antworten, schließlich hat Finkel keinen Lebensratgeber á la „Alles was ich über Einsamkeit wissen muss!“ verfasst und zudem ist eine derartige Persönlichkeit wie die von Knight sowieso nicht zu entschlüsseln. Abgesehen von den zahlreichen nur aus der Beschreibung heraus gegebenen Hardcore-Tipps für das extreme Überleben im Wald gibt das Buch jedoch einen faszinierenden Anstoß, den Blick auf das eigene Dasein und das gesellschaftliche Drumherum mal wieder zu hinterfragen.

Herausgeber: Goldmann Verlag; Deutsche Erstausgabe Edition (25. September 2017)
Sprache: Deutsch
Gebundene Ausgabe: 256 Seiten
ISBN-10: 3442314682
ISBN-13: 978-3442314683

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