Carsten Janz im Interview – Beinhart, 9 Jahre Weltreise

101.000 Kilometer, 64 Länder, 9 Jahre, 83 Reifenpannen und 21 Speichenbrüche, das ist die grobe Bilanz von Carsten Janz. 1998 brach Carsten, damals 36 Jahre jung, von Hamburg aus auf. Man kann sagen, das Carsten Janz ein Globetrotter aus Leidenschaft ist. Unterwegs hat er zahlreiche Jobs angenommen, um seine Reisekasse aufzubessern. Manchmal auch der Liebe wegen. Sesshaftigkeit war nie sein Ding gewesen.

“Carsten…..

Wann und wo bist Du geboren?

Geboren bin ich im April 1962, in Hamburg

Crsten Janz
Crsten Janz

Was hast Du vor Deinen Reisen gemacht?

Neben der Schule eigentlich nur Sport.  Fussball , Schwimmen, Basketball , 2 mal im Jahr Skifahren fuer jeweils 3 Wochen ,aber vorallem Leichtathletik. Mehrkampf und Mittelstreckenlauf und im Weitsprung war ich  einige Jahre zeitweilig sogar unter den  10 besten Weitspringern Deutschlands. 

Was war der Auslöser für die Entscheidung auf große Reise zu gehen?

Die Veränderung in meinem Kopf begann während meiner Ausbildungszeit zum Versicherungskaufmann. Der Gedanke Jahr für Jahr  mit Krawatte und Aktentasche in dieselbe Firma zu gehen liess mich eiskalt erschaudern. Ich beendete  meine Ausbildung und nahm anschließend nur noch zeitlich begrenzte Arbeitsverträge an. 6 Monate arbeitete ich ( z.B.: als Zugbegleiter ) und die anderen 6 Monate  reíste ich . Zuerst als Backpacker auf allen Kontinenten , später als Abenteurer. In dieser Zeit fuhr ich einmal 3 Monate mit dem Rad durch Südafrika, Lesotho und Swaziland. Diese Art des Unterwegsseins begeisterte mich so sehr, das ich mich entschloss  auf eine lange Weltreise zu gehen.  Der konkrete Anlass loszufahren  war der Tod 2 meiner englischen Freunde mit denen ich zusammen in einem Fitnessclub in Hamburg trainierte. Sie waren eine Musikgruppe die sich die London Boys nannten und  in den 90 er Jahren auf dem Weg eine sehr berühmtes Duo zu werden. Ein  unverschuldeter Autounfall riss sie aus ihrem erfüllten, kurzem Leben . Das führte mir urplötzlich vor Augen  wie schnell alles vorbei sein kann. Ich zoeögerte nicht  länger, kündigte meinen Job und fuhr hinaus in die Welt.   

Wie hast Du Deine Reisen finanziert?

Ich hab alle möglichen Jobs im In und Ausland  gesucht. Einzige Bedingung meinerseits war die saisonale Einschränkung. Sehr oft hab ich auch im Ausland gejobbt. Mich interessierten vorallen Dingen gutbezahlte Extremjobs. Zum Beispiel arbeitete ich als Bäumepflanzer im Yukón Territory in Canada, als  Apfelplücker in Italien, als Pistenbully Fahrer im Wallis in der Schweiz, als Fischfabrikangestellter in Alaska während der Lachssaisonoder als Englischlehrer in Japan . 

Karakorum Highway Pakistan
Karakorum Highway Pakistan

Wie hast Du Dich all die Jahre krankenversichert? Spielte das für Dich überhaupt eine Rolle?

Auf  der Weltreise hatte ich eine Krankenversicherung der Hanse Merkur, die mich die gesamte Zeit meiner 9 jährigen Reise versicherte, obwohl die maximale Versicherungsdauer bei offiziell 5 Jahren liegt. Ja, ich halte es für eine schlaue Entscheidung sich kranken zu versichern . Mann setzt sich bewusst oder unbewusst sehr vielen Gefahren aus wenn mann jahrelang ,alleine pedalt. Überfälle, Tropenkrankenheiten, Verletzungen , StürzeUnfälle,Tierangriffe etc. Die Liste ist lang und ein Krankenhausaufenthalt  kann einem sehr schnell an finanzielle Grenzen bringen. 

Was war die schlimmste Panne die Du je hattest?

Mir brach der Überrollbügel meines Lowrider Gepaecktraegers. Dieser blockierte das Vorderrad und ich wurde  mitten in einer  Abfahrt aus dem Sattel katapultiert. Ergebnis : mehrere gebrochene Rippen.

Nullarbour
Nullarbour

 

Welche drei Dinge haben sich auf Reisen für Dich als völlig unsinnig erwiesen?

Kerze, Angelschnurr und Haken und meine Gastgeschenke ( Postkarten aus Hamburg und Deutschland und Luftballons) 

Wenn du nur drei Dinge für den Start einer Weltreise per Fahrrad mitnehmen dürftest, was wäre das (außer dem Fahrrad und deiner Kleidung)?

Schlafsack, Zelt und Wasserflaschen 

Welche Ecke des Planeten möchtest du auf jeden Fall noch bereisen/sehen?

Bin satt. Habe kein Land wo ich ums verecken noch mal hinmüsste. 30 Jahre unterwegs  und 110 Länder sind genug. Ausserdem lebe ich jetzt in Südamerika und das ist ein fantastischer Abenteuerspielplatzwenn es mich dann doch noch mal juckt.

Du hast während Deiner Reise 101.000 Kilometer zurückgelegt und dabei 64 Länder bereist. Gibt es ein Land, was Dir besonderes positiv in Erinnerung geblieben ist, oder auch besonders negativ?

Wüstenfahrt Namibia
Wüstenfahrt Namibia

Am faszinierensten fand ich immer die Länder mit viel Natur und geringer Bevölkerungsdichte und nicht umgekehrt. Deswegen liebe  ich Länder wie zum Beispiel  Canada, Australien, Norwegen, Namibia oder Argentinien einfach viel mehr als  Indien, Indonesien, Bangla Desh, Äthiopien oder Ost China .  

Du bist 1998 in Norddeutschland gestartet. Hat sich Deutschland für Dich nach Deiner Ankunft merklich verändert?

Die grösste Veränderung war die Währung. Bei der Abfahrt zahlte ich noch mit DM ,bei der Rückkehr mit dem Euro. In Hamburg hat sich der Hafen verändert und es kamen unzählige Hotels dazu. Aber Hamburg ist irgendwie doch das Dorf geblieben das es immer war.  Wer einmal in Bankok, Seoul, Cairo, Sao Paulo oder Mumbay war versteht was ich meine. 

Was war für Dich schöner. Das Losfahren, oder das Ankommen?

Tag 1 einer Weltreise ist bei weitem schwieriger als Tag 3293, obwohl sie beide extrem emotional sind. Bei der Abfahrt  mischten sich neben der Vorfreude auf grosse Abenteuer und Erlebnisse merkwürdige Selbstzweifel , ob es denn wirklich die richtige Entscheidung war den Heimathafen zu verlassen. Ausserdem  umarmte ich beim Abschied meinen Vater,  in der Gewissheit, das es das allerletzte mal ist  (er war 85 Jahre alt und sehr krank) Die Rückkehr war positiv emotional. Ich war einfach unglaublich glücklich und  dankbar überlebt zu haben und verabschiedete mich von meinem Leben als Fahrradnomade. 

Du bist in Jordanien mit Steinen beworfen worden. Was war der Grund dafür? Wie bist Du damit umgegangen?

Die Steineschmeisserei  istNationalsportunter den Kindern  in vielen moslemischen Ländern. Sie flogen in Marokko  genauso wie in Ägypten, Indien oder Jordanien. Bedrohlich war es vor allem auf dem Karakorum Highway in Nordpakistan. Die Steine waren gross und wurden feige von hinten abgefeuert und zeigten mir das ich nicht willkommen war. In den anderen Ländern ist es wahrscheinlich die Bemühung um Aufmerksamkeit und um eine Reaktion vom Fremden zu bekommen. Es sind sehr schmerzhafte Erfahrungen an Leib und Seele. Die körperlichen blauen Flecken heilen wieder, sich aber nicht willkommen zu fühlen ist  ein längerer Prozess. Ich reagierte manchmal mit Zorn  und attackierte die kleinen Plagegeister,  meistens aber liess es mich traurig zurück. Alleinfahrende Radfahrer werden mehr beworfen als in Gruppen ab 2 Personen  zusammenfahrende.

In welchem Land hast Du Dich am längsten aufgehalten und was hast Du während Deines Aufenthaltes dort gemacht?

Am längsten im Ausland gelebt habe ich  in der Schweiz (9 Jahre) und jetzt in Chile (11 Jahre).  Während der  Weltreise stoppte ich am längsten in Osaka in Japan ( 1.5 Jahre). Dort konnte ich als Englischlehrer arbeiten.

Wenn man länger unterwegs ist, trifft man zahlreiche andere Globetrotter, die ein ähnliches Abenteuer unternehmen. Wer ist Dir da in Erinnerung geblieben?

Der Motorradweltreisende Mika Kuhn. Ein wilder deutscher Bursche mit finnischen Wurzeln. Er staubte mich am vorbeirasen in Nord Laos einEtwas später stoppte er am Wegesrand  und wir reisten eine zeitlang gemeinsam . Er nahm etwas Gas raus aus dem Hahn und ich pedalte was die Beine hergaben.  Wir sind seitdem in Kontakt und Leben heute beide in Südamerika. Er in Bolivien und ich in Chile. 

Gibt es unterwegs so eine Art Gemeinschaft von Langzeitreisenden? Wenn ja, wie sieht diese aus?

Ich denke heutzutage tauscht mann sich unter Langzeitreisenden durch die neuen technischen Möglichkeiten verstärkt aus. Zu meiner Reisezeit wechselte mann nach einem gemeinsamen Abend Postanschriften. Später dann E-Mail Adressen und schrieb sich gelegentlich, aber wirkliche Freundschaft oder Austausch gab es langfristig wenig. Ich bemühte mich allerdings auch nicht sonderlich. Ich liebte es Zeit mit mir selbst zu haben 

Welche Person würdest Du gerne mal treffen?

Einige meiner Idole die mich motivierten habe ich persönlich kennen lernen dürfen. Zum Beispiel. Rüdiger Neberg, Achill Moser, Arved Fuchs oder Hans KammerlanderDian Fossey, die Gorillaforscherin haette ich gern getroffen, insbesondere nach meinem Besuch bei den Berggorillas in den Virunga Bergen in Ruanda. Leider ist sie ja ermordet worden. Unter den lebenden Personen würde ich gern mal den ehemaligen Bergsteiger Reinhold Messner treffen, oder aber Königin Rania und König Abdullah aus Jordanien. Ich war beim Tod von König Hussein in Amman und sah diese beiden noch sehr jungen Menschen im  offenen Wagen an mir vorbeifahren. Sie beide wollten  ihre neue Rolle als Koenigspaar anfaenglich nicht , sind dann aber  grossartig in ihre neue Aufgabe rein gewachsen 

Du bist vor einigen Jahren nach Chile ausgewandert. Wieso Chile? Wie bestreitest Du dort Deinen Lebensunterhalt?

Chile ist eine sehr gute Mischung aus dem sehr durchorganisiertem Westeuropa und dem chaotischem Afrika. Es ist global gesehen ein unbedeutendes Land am Ende der Welt was ich mag und es bietet herrliche, verschiedenartige Naturlandschaften. Während meiner Weltreise habe ich hier meine heutige Lebenspartnerin Patricia kennengelernt. Wir leben von der Vermietung eines Ferienbungalows und züchten Kakteen und Suculenten auf einer Parcele direkt am Pazifik gelegenDesweiteren halte ich Motivationsvorträge hier im Land, mittlerweile in Castellano. 

Welchen wichtigen Tipp könntest Du anderen Abenteurern mit auf den Weg geben?

Starte mit kleinen Abenteuern. Probiere mehrere verschiedene Dinge aus. Wenn du deine Passion gefunden hast wiege Vor und Nachteile über ein großes Abenteuer mit dem Verstand ab und entscheide mit dem Herzen. Lass dich nicht umstimmen von einem evtl. negativen Umfeld. Wenn du deinen individuellen Weg mit Überzeugung gehst kannst du nicht verlieren. Der eine oder andere Durchgang schliesst sich vielleicht, aber ein neuer wird sich öffnen. Hab den Mut diesen dann zu begehen und das Leben wird dich belohnen. 

…. Wir danken Dir für das Gespräch. Bleib Gesund!”

 

Carsten Janz

Homepage:    carsten-janz.de
Instagram:  carstenjanz0000

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